
AfD-Parteitag in Erfurt: Deutschlands verrottete Mitte steuert auf eine Abrechnung zu

Von Tarik Cyril Amar
Im Sommer 2026 ist Deutschland ein angeschlagenes Land, gezeichnet von schweren Schlägen, viele davon selbst verschuldet.
Kurzfristig erlitt es eine demütigende Niederlage in der UN-Generalversammlung, wo es für Berlins dreiste Arroganz, politischen Provinzialismus und nicht zuletzt für die unerschütterliche Unterstützung Israels und seiner Verbrechen, einschließlich Völkermord, bestraft wurde. Bei der Weltmeisterschaft schied die deutsche Mannschaft frühzeitig und vernichtend aus.

Zu allem Übel hielt Bundeskanzler Friedrich Merz dies für den idealen Zeitpunkt, um einige unangebrachte Beiträge zu veröffentlichen, die die Nation zwar beruhigen sollten, aber durch ihre plumpe Inkompetenz und Realitätsferne schockierten. Warum sich mit einer bloßen nationalen Depression zufriedengeben, wenn man zusätzlich noch einen regelrechten Shitstorm auslösen kann?
Deutschlands Grundlage ist ebenfalls katastrophal. Laut Handelsblatt steckt Volkswagen, ein traditionelles Aushängeschild der deutschen Autoindustrie und zentraler Bestandteil der Volkswirtschaft und des Nationalstolzes, in der größten Kosten- und Strukturkrise seit Jahrzehnten. Rund 100.000 Arbeitsplätze sind bedroht. Und ja, das ist repräsentativ für die gesamte Wirtschaft. Die Geburtenrate des Landes – mit 1,32 Kindern pro Frau – ist so niedrig wie seit Mitte der 1990er-Jahre nicht mehr, was die weit verbreitete Angst und den Pessimismus widerspiegelt.
Selbst die öffentlich-rechtlichen (de facto staatlichen) Sender Deutschlands, die nicht gerade für unparteiische Berichterstattung oder ernsthafte Kritik an den Machthabern bekannt sind, räumen ein, dass sich die Armut verfestigt. In einem Land, das einst wirtschaftlichen Erfolg und Optimismus verkörperte, ist laut offizieller Statistik jeder sechste Deutsche armutsgefährdet.
Und all das geschieht unter einer Abfolge von Regierungen, die dem Lehrbuch des Zentrismus entsprechen und auf Koalitionen aus Parteien und Politikern beruhen, denen ein grundlegender Mangel an Überzeugungen (abgesehen von dem blinden Drang, erneut gegen Russland zu kämpfen), Egoismus, Karrierismus und eine kaltherzige Gleichgültigkeit, wenn nicht gar Verachtung gegenüber den sich verschärfenden Problemen und Nöten gemeinsam ist, die das Leben der einfachen Deutschen prägen.
Aktuell vereint die jüngste Generation zentristischer Unfähigkeit, die in Berlin die Machtpositionen innehat, die zutiefst unpopulären Sozialdemokraten (SPD) – 12 Prozent in den Umfragen – und die weithin verachteten Mainstream-Konservativen (CDU/CSU) – 22 Prozent und sinkend. Kein Wunder, dass sage und schreibe 53 Prozent keiner politischen Partei vertrauen, während erschreckende 84 Prozent mit Merz unzufrieden sind.
Dieser katastrophale Niedergang, die Unfähigkeit der Regierung und die nationale Frustration stehen im Mittelpunkt dessen, was sich in Kürze in der ostdeutschen Stadt Erfurt ereignen wird, wo die AfD (Alternative für Deutschland) am 4. und 5. Juli ihren Parteitag abhält.
Im Vorfeld des Treffens herrscht in Deutschland Nervosität. Während die AfD Hunderte Parteidelegierte und Gäste erwartet, rechnen die Behörden mit 35.000 bis 50.000 Demonstranten. Das ist in jedem Fall eine beachtliche Zahl. Noch beeindruckender – oder besorgniserregender – ist sie jedoch, wenn man bedenkt, dass Erfurt zwar eine historische Stadt ist (mit einer der ältesten Universitäten Deutschlands), aber mit knapp 220.000 Einwohnern nicht besonders groß.
Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass alle Anti-AfD-Proteste, die sich in Erfurt ereignen werden, friedlich verlaufen. Obwohl die lokalen Behörden und die Polizei zur Ruhe aufrufen, bereiten sie sich offensichtlich auf Ausschreitungen und Gewalt vor, einschließlich Blockaden und Schlimmerem.
Björn Höcke, der wichtigste Vertreter des rechten Flügels der AfD und einflussreicher Parteichef in Thüringen, wo Erfurt liegt, hat möglicherweise etwas übertrieben, als er von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" sprach. Durchgesickerte Dokumente zeigen jedoch, dass die thüringische Polizei vor Tausenden gewaltbereiten Aktivisten warnt, die ihrer Ansicht nach Brandbomben von Dächern werfen, schwere Verletzungen und Todesfälle in Kauf nehmen und sogar ein "Endspiel-Szenario" der Erstürmung des AfD-Parteitags durchziehen könnten. Die Polizeigewerkschaft ist besorgt über den Personalmangel vor Ort.
Was auch immer in Erfurt geschieht, eines ist bereits klar: Die Bühne ist bereitet für ein großes, symbolträchtiges Schauspiel. Laut zentristischen und Mainstream-Erzählungen verlaufen die Fronten so manichäisch wie in Tolkiens besten Werken: Hier die Mächte Mordors, die AfD, die weithin als demokratie- und verfassungsfeindlich, wenn nicht gar als faschistisch, bezeichnet wird; dort die Hobbit-Kräfte des Lichts – bestehend aus konformistischem Protest, Zivilgesellschaft und einem gesunden Widerstand, der seinen Platz kennt. Sollte es bei Letzterem auch zu ernsthafter Gewalt kommen, wird dies als Ausnahme abgetan und letztlich der AfD angelastet.
Soviel zu der kindischen Geschichte, die in den Mainstream-Medien so häufig zu hören sein wird.
Und nun mal im Ernst: Was diesen AfD-Parteitag so brisant macht, ist nicht die AfD-Ideologie – was auch immer man davon halten mag –, sondern die Umfragewerte der AfD. Die AfD ist zu erfolgreich darin, die etablierten Parteien in deren eigenen Reihen herauszufordern. In ganz Deutschland führt sie mit aktuell 29 Prozent deutlich vor allen anderen Parteien. In Sachsen-Anhalt geht es nicht mehr darum, ob die AfD die Wahlen in zwei Monaten gewinnen wird, was so gut wie sicher ist, sondern darum, ob sie eine absolute Mehrheit erlangen wird, die es ihr ermöglicht, ohne Koalitionspartner zu regieren.
Ein derart beispielloser Durchbruch in einem Bundesland wäre keine rein lokale Angelegenheit. Er hätte mit Sicherheit massive nationale Auswirkungen. Die undemokratische und ungerechte Politik der "Brandmauer", mit der die etablierten Parteien die AfD – und ihre Wähler – von der Politik fernzuhalten versuchten, wäre praktisch nicht mehr tragbar. Einer ihrer wichtigsten Vertreter, Merz, würde höchstwahrscheinlich fallen, genauer gesagt, von Konkurrenten innerhalb seiner eigenen CDU hintergangen werden, die einer Zusammenarbeit mit der AfD offen gegenüberstehen.
Kein Wunder, dass wir gerade einen weiteren durchsichtigen Versuch erlebt haben, eine neue juristische Kampagne gegen die AfD zu starten. Unter dem Deckmantel einer neuen Studie, die wissenschaftliche Standards vorgibt, fordert ein offensichtlich abgesprochener Chor von Stimmen ein Verbot der Partei. Dass die Argumentation dafür schwach und die rechtlichen Hürden glücklicherweise hoch sind, wird dabei geflissentlich ignoriert. Die Studie selbst wirkt zweifelhaft, ihre Methodik erscheint mangelhaft und basiert offenbar auf dem Einsatz von KI. Ironischerweise gehört die Stiftung, die sie erstellt hat, demselben künstlich aufgebauschten zivilgesellschaftlichen/NGO-Bereich an, den der Westen häufig für die Inszenierung von Farbrevolutionen zum Regimewechsel im Ausland missbraucht hat.
Erfurt wird also zur Kulisse für die Dramatisierung einer vom Establishment inszenierten "Widerstands"-Geschichte – inklusive brennender Reifen und Müllcontainer. Diese Geschichte ist Teil desselben Szenarios, in dem eine "wissenschaftliche" Studie als Munition für eine Verbotskampagne dient. Nichts davon hat mit der Verteidigung der Demokratie zu tun. Im Gegenteil: Verteidigt wird einzig und allein der radikale Zentrums-Parlamentarismus, dessen Ausübende inkompetent, intolerant und zunehmend verzweifelt an der Macht festhalten.
Übersetzt aus dem Englischen.
Tarik Cyril Amar ist Historiker an der Koç-Universität in Istanbul. Er befasst sich mit Russland, der Ukraine und Osteuropa, der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, dem kulturellen Kalten Krieg und der Erinnerungspolitik.
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