
Wladimir Solowjow: "Nicht das erste Mal, dass Europäer Juden enteignen"
Von Alexej Danckwardt
Der zweite Teil des Interviews von Weltwoche-Chef Roger Köppel mit dem russischen TV- und Radiomoderator Wladimir Solowjow ist erschienen. War schon der erste Teil für den europäischen Zuschauer "starker Tobak", begeben sich beide im zweiten auf das Glatteis der Geschichte, vor allem der Geschichte Russlands und der Ukraine.
Köppel "brilliert" mit allerlei westlichen antisowjetischen Mythen, Solowjow versucht sich als ein wenig geduldiger Geschichtslehrer. Mehr als ein Mal fällt das Wort "Bullshit", das man in aller Vorsicht als "Unsinn" übersetzen kann – die beiden unterhalten sich in der Sprache des "großen Bruders" hinterm Ozean. Fäkalsprache klingt unschön, hier kann man es verstehen: Das ständige Auftischen längst widerlegter Lügen, längst entlarvter Fehlinterpretationen und längst vervollständigter Halbwahrheiten nervt tatsächlich, nicht nur russische Ohren.

Russen haben einen schmerzhaften kognitiven Prozess voller Selbstzweifel und quälender Fragen von der Schwarzmalerei der Perestroika-Zeit zum Begreifen der Komplexität der eigenen Geschichte durchlitten. Es hat sie zwanzig Jahre gekostet, einige dreißig. Zugegeben, auch bei einigen Russen hat es nichts genutzt und sie nehmen Solschenizyns Belletristik immer noch für wissenschaftliche Forschung, doch das ist die Minderheit.
Wenn dann ein Europäer kommt und Russen mit der für Europäer typischen Überheblichkeit Vorlesungen über "Millionen Opfer Stalins" halten will, dann nervt es halt. Russen kennen die Fakten ihrer Geschichte auch ohne europäische Belehrungen – sie kennen sie besser und jenseits von Solschenizyns Phantasien. Nicht, dass 700.000 Hingerichtete (in der gesamten Sowjetunion in über 30 Jahren) und eine Million Hungertote wenig wären – es ist schlimm genug, wozu also übertreiben?! Russen sind zwanzig, dreißig Jahre und viele schlaflose Nächte weiter. Sie haben begriffen, was, wer, warum und wie (nun, so manches ist immer noch ein Rätsel und verlangt nach seriöser Forschung, aber es ist dennoch wie der Vergleich zwischen dem "Nichtwissen" eines Astronomen und dem "Wissen" eines Flacherdegläubigen).
Europäer haben sich die Mühe des Begreifenwollens nie gemacht. Sie sind wie Teenager, die römische Geschichte anhand von Asterix-Comics lückenlos erfasst haben wollen und ihr Halbwissen ignorant vor sich her tragen. Da kann ein Geschichtslehrer schon mal die Contenance verlieren.
Bevor es zum Geschichtsdisput kommt, versucht Köppel, Solowjow durch einen Angriff ad personam aus der Balance zu bringen. Wenn Europa so schlecht sei, fragt er, warum haben dann "reiche Russen, wohlhabende Russen, alle, die meisten, viele, Häuser in Europa"? Er weiß, dass Solowjow auch ein Haus hat, am Comer See, in Italien. Hatte. Solowjow steht unter EU-Sanktionen, das Haus ist de facto beschlagnahmt ‒ die letzte Nachricht war, dass es versteigert werden sollte.
"Sie hatten", korrigiert ihn Solowjow und fährt fort:
"Sie hören mir nicht sorgfältig genug zu, nicht wahr? Leider. Ihr habt eure Werte verraten ..."
Köppel: "In den letzten drei Jahren?"
Solowjow: "Dreißig. Vor wahrscheinlich 25 bis 30 Jahren."
Köppel: "Kommen Sie, Sie reisten noch vor 10 oder 15 Jahren durch Europa."
Solowjow: "Und werde es wieder tun."
Was soll man auch sonst darauf antworten? Russen waren in Europa und den Westen verliebt, vor zehn Jahren noch. Auch reiche Russen, zum Unglück für ihr eigenes Land. Was ändert dies daran, dass Europa wieder auf einem Eroberungsfeldzug gegen Russland ist? Dass es alle Russen – reich wie arm – ausrauben und wahrscheinlich auch vernichten will, damit niemals jemand Ansprüche auf das Geraubte erheben kann. Das haben viele noch nicht begriffen, Solowjow offenbar inzwischen schon. Trotzdem kann man die Landschaft am Comer See schön finden. Nicht die Landschaft versucht, Russland zu vernichten und Russen zu töten.
Solowjow: "Es ist nicht unsere Schuld, dass ihr die Ersten an den Ufern wunderschöner Meere wart. Deshalb liebe ich den Lago di Como. Aber er wurde von Gott erschaffen, nicht von den Italienern. Und ich habe für alles bezahlt. Und die Europäer haben mich grundlos ausgeraubt."
Und das hat ‒ Solowjow ist Jude ‒ eine historische Dimension, die der geschichtsbewanderte Rhetoriker natürlich ansprechen wird:
"Ist es etwa das erste Mal, dass ein antifaschistischer Jude von Europäern ausgeraubt wurde? Nun, das ist in der europäischen Geschichte ganz normal. Und wenn Sie sagen, wir sollten uns mit dem Begriff 'Nazis' befassen, dann spielt mir nicht diese verdammten Spielchen."
Köppel aber ist überzeugt, dass man niemanden, der heute lebt, "Nazi" nennen darf:
"Im Jahr 2022 gab es ein Memorandum israelischer Historiker. Ich glaube, etwa 300 haben es unterzeichnet. Darin erklärten sie, dass Russlands Verwendung der Begriffe 'Völkermord' und 'Nazi' im Zusammenhang mit den Ereignissen in der Ukraine eine Verfälschung der Geschichte und einen Missbrauch der Shoah, des Holocaust, darstelle. [...] Ich bin Historiker. An der Universität haben wir gelernt, dass der Begriff 'Nazi' eigentlich für einen bestimmten Zeitraum reserviert ist, nämlich für den Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland, mit Hitler, mit Hitler im historischen Kontext."
Wow! Das soll er mal der Leipziger und Berliner Antifa erzählen, dass nur die Nazis der 1930er-Jahre Nazis waren und es eine Relativierung des Holocaust ist, wenn man heutige Nazis Nazis nennt. Alle Nazis sind also 1945 ausgestorben? Just am 8. Mai wahrscheinlich. Und wenn Nazis keine Nazis sein sollen, weil sie nicht Juden und Russen, sondern nur noch Russen allein hassen und töten wollen, dann sagt es eher etwas über diese 300 israelischen Historiker.
Und dann geht es auf das schon erwähnte Glatteis der Geschichte. Köppel:
"Sie kennen das Buch, Sie kennen den Text von Joseph Roth über die Ukraine im Jahr 1922, als Lenin Moskau eroberte und die Ukrainer den Kommunisten anfangs sehr positiv gegenüberstanden und dachten, sie hätten nun endlich einen Freund in Moskau, der ihnen erlaube, ihre Kultur zu leben und so weiter. Dann kam Stalin. Was hat Stalin getan? Ich meine, er hat Millionen Ukrainer ermordet."
Nun, zunächst einmal hat Stalin die Ukraine – den seit jeher russischsprachigen Donbass und das seit jeher russischsprachige Kiew inklusive – zwangsukrainisiert und Millionen Russen gezwungen, Ukrainisch zu lernen, aber woher soll Köppel das auch wissen...
Solowjow fragt ungläubig nach, ob er sich nicht verhört hat:
"Wie hat er sie umgebracht?"
Köppel: "Er ließ sie hungern."
Solowjow: "Wer hat dir diesen Quatsch erzählt? Wer hat dir diesen Quatsch erzählt?"
Köppel: "Das ist eine historische Tatsache."
Solowjow: "Welche historische Tatsache?"
Köppel: "Das ist eine historische Tatsache."
Solowjow: "Das ist keine historische Tatsache."
Später wird er versuchen, sachlich und ruhig zu erklären, was 1932 geschehen ist und was 1932 nicht geschehen ist. Ich aber erlaube mir an dieser Stelle, den dreiteiligen Faktencheck zur Hungersnot des Winters 1932/1933 zu empfehlen, den RT DE bereits Ende 2022 veröffentlichte: Teil 1 ("Gefälschte Zahlen, verkannte Ursachen"), Teil 2 ("Eine präzedenzlose Verzahnung von Umständen"), Teil 3 ("Gegen wen richtet sich diese Verleumdung wirklich?").
Solowjow hat Recht: Weder sind Millionen (im Plural) Ukrainer verhungert, noch war der "Holodomor" eine zielgerichtete, planvolle Aktion der Sowjetmacht. Ganz im Gegenteil: Die Zentralregierung in Moskau hatte 1932 in mehreren Wellen die Planvorgaben für die Ablieferung von Getreide reduziert – weit unter die in den Vorjahren problemlos abgelieferten Mengen – und hat im Winter 1932/1933 große Mengen Getreide als Hilfslieferungen in die Ukraine dirigiert, was dokumentiert ist. Ist dies das Vorgehen, wenn man einen Genozid plant und ausführt?
Der Mechanismus, wie es aller Wahrscheinlichkeit nach zum Hunger – nicht nur in der Ukraine, sondern auch in großen Teilen Russlands, aber von Genozid an Russen spricht irgendwie keiner – gekommen ist, ist in Teil 2 des Faktenchecks dargestellt. Und vor allem: Es war nichts, was sich gegen Ukrainer als Ukrainer richtete.
Vieles davon versucht auch Solowjow Köppel und den Zuschauern zu vermitteln, auch wenn er in einem Punkt irrt: Republikchef in der Ukraine war damals kein Ukrainer, sondern ein Pole: Stanislaw Kossior. Später "Opfer von Stalins Terror". Wie passt es eigentlich in einem Kopf zusammen, den Hunger zum Genozid zu erklären und zugleich die dafür unmittelbar Verantwortlichen zu "Stalins Opfern"? Und warum sollen Russen daran schuld sein, was ein Georgier und ein Pole mithilfe ukrainischer Ortskräfte so treiben? Unter den tatsächlichen Opfern Stalins bilden ethnische Russen übrigens die mit Abstand größte Gruppe.
Köppel hätte das alles wissen können, spätestens seit Dezember 2022. Aber wer sind schon RT DE und Anton Gentzen, um vom großen Historiker Roger Köppel gelesen zu werden?
So weit die kommentierten Kostproben aus dem Interview. 85 Minuten dauert das Gespräch und nein, es dreht sich nicht alles um sowjetische Geschichte. Ist Selenskij ein Jude? Wie viele russische Soldaten hat die ukrainische Armee getötet? Wendet sich das Kriegsglück nun gegen Russland? Wird Russland Atomwaffen gegen Europa einsetzen? Hat Solowjow einen kleinen Penis?
Und vieles andere mehr. Hörenswert ist es auf jeden Fall. Sagen wir es offen: Köppel mag kein Spezialist für sowjetische Geschichte sein, aber das hat er mit seinem Mut und seinen journalistischen Qualitäten mehr als kompensiert. Es ist wie immer: Anderen zuzuhören hat noch keinem geschadet, der das Denken selbst erledigt.
Ausschnitte aus dem Interview mit deutschen Untertiteln hat RT DE unter diesem Link veröffentlicht.
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